Was tun mit der Unendlichkeit?

Als die Pandemie noch in den Kinderschuhen steckte und die Infektionszahlen langsam stiegen, kam erstmals die Option eines Lockdowns in Betracht. Zu diesem Zeitpunkt war Tom noch ganz erpicht darauf. Endlich hätte er mal Zeit, ein Buch zu lesen oder seine Netflix-Serie zu Ende zu schauen, bei welcher er abends vor Erschöpfung immer einschlief. Oh, wie schön es doch wäre, hätte er nur ein wenig mehr Zeit für sich. Er könnte sein Leben ausnahmsweise mal genießen und würde nicht nur den ganzen Tag wie ein Irrer arbeiten. Leider kam alles, wie so oft in seinem Leben, ein wenig anders, als er es sich erdachte hatte.  

  

Dann war es tatsächlich so weit. Der Lockdown kam und Tom hatte genug Zeit für alles, was ihm beliebte. Seine erste Tat in Freiheit war es ein Buch zu lesen, zu welchem er sonst weder Zeit noch die nötige Konzentration hatte. Er kramte seine längst verstaubte Ausgabe von Goethes „Faust“ heraus und machte sich ans Werk. Er genoss es, sein eigener Herr, frei von Pflichten zu sein und er war glücklich und zufrieden wie noch nie.  

  

Aber langsam, so langsam, dass er es selbst kaum merkte, ging ihm alles auf die Nerven. Die Serien, welche er beliebte auf Netflix zu schauen, wurden zu eintönig und die Bücher zu anstrengend. Er fühlte sich unnütz, unausgeglichen und gelangweilt. Tom lebte, dass sollte man wissen, alleine. Lediglich sein Hund war bei ihm und er hatte somit keinen, mit dem er reden konnte. Keinen, dem er berichten konnte, was in ihm vorging. Zumindest war das anfangs so, denn sein Hund stellte sich im Nachhinein als ein toller Gesprächspartner heraus.  

  

Die Tage strichen ins Land und die Pandemie dauert an. Tom redete mittlerweile viel mit seinem Hund. Er erzählte ihm, dass jetzt, wo er so viel Zeit hatte, die Zeit irgendwie weniger kostbar geworden sei. Während er noch arbeitete, war jede einzige freie Minute ein Geschenk. Er hatte sie genossen, sie geliebt und wenn sie verstrichen waren, ihnen nachgetrauert. Aber jetzt waren sie wertlos. Es war ihm egal, ob eine Stunde, ein Tag, oder eine Woche verging. Ja, man könnte meinen es fand eine Zeit-Inflation statt. Nichts machte ihm mehr Spaß, nichts vermochte ihn aus seinem Trott zu befreien. Er fühlte weder Freude noch Lust am Leben. Einzig eine andauernde Kälte legte sich auf sein Gemüt. 

  

Toms momentaner Tag sah so aus, dass er am Fenster oder in seinem Sessel saß und ins Leere starrte. Nebenbei redete er mit seinem Hund und ernährte sich von Kartoffelchips. Eigentlich machte ihm früher das Kochen Spaß, aber zu groß wäre jetzt die Anstrengung aus dem Sessel aufzustehen und die fünf Schritte zur Küche zu machen.  

  

So hatte Tom sich seine Freiheit beileibe nicht vorgestellt: An die Decke starren und dem Hund von seinen Problemen berichten. 

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